"Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit"

Der "Meister des gefährlichen Denkens" trug viele Masken: Zum 100. Todestag des Philosophen Friedrich Nietzsche / von Bernhard Windisch

Nürnberger Nachrichten vom 19./20. August 2000, S. 21

Kein anderer deutscher Denker hat so viele Missverständnisse provoziert wie Friedrich Nietzsche. Bis heute ist er ein höchst umstrittener Klassiker, dessen Bonmots man gerne zitiert. Nietzsche. geboren am 15. Oktober 1844 in der Nähe von Leipzig, starb am 25. August 1900 geistig umnachtet in Weimar.

"Ich kenne mein Los, es wird sich ein mal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen, an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissens Collision, an eine Entscheidung heraufbeschworen gegen Alles, was geglaubt, gefordert geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit ... Meine Wahrheit ist furchtbar: denn man hieß bisher Lüge Wahrheit... Mit Alledem bin ich notwendig ( ... ) ein Mensch des Verhängnisses. Denn wenn die Wahrheit mit der Lüge von Jahrtausenden in Kampf tritt, werden wir Erschütterungen haben ... wie dergleichen nie geträumt worden ist."

Das 20. Jahrhundert, das Jahrhundert der wissenschaftlich-technische Mobilmachung, die keinen Stein auf dem anderen ließ, das Jahrhundert des Zerfalls aller Formen, das Jahrhundert der Demagogen, Diktaturen und Kriege scheint Nietzsche als Zukunftsinterpreten und Wahrheits-Sager rech zu geben. Deshalb ist er wohl auch nicht totzukriegen. Neue Publikationen jedes Jahr, Nietzsche Symposien und -Seminare vornehmlich in den neuen Bundesländern, die nach über 4 Jahren Nietzsche-Abstinenz eine besonderen Nachholbedarf haben, zuletzt die Sloterdijk Debatte im Westen, wo u. a. der Philosoph Habermas dem Philosophen Sloterdijk vorwarf, nietzscheanische Selektions- und Züchtungsfantasien als gentechnisch bzw. anthropotechnische Notwendigkeiten der näheren Zukunft zu proklamieren: Nietzsche lebt – und erregt die geistigen Gemüter nach wie vor.

Irritierende Schlagworte

Wie kein anderer Philosoph hat Nietzsche das 20. Jahrhundert bestimmend vorweggenommen. Auch für das neue Jahrtausend dürfte er entscheidend sein, selbst wenn wir sein manch mal mehr als peinliches Gründer- und -Verkünder Pathos in Kauf nehmen müssen. Es bleibt der ungeheure geistige Aufriss, mit dem er die zweitausend Jahre währende abendländisch-christliche Welt hinter sich ließ, eine scharf Zäsur setzte und eine neue Zeit einläutete. Bleibt die ungeheure Irritation, die er allein durch seine Schlagworte hervorruft: vom "Tod Gottes", dem "Übermenschen", der "blonden Bestie", dem "Herdentier", der "Sklavenmoral" und dem "unwerten Leben", der "Umwertung aller Werte", dem "Nihilismus" und "Willen zur Macht", bis hin zur "Zucht und Züchtung" (von Eliten) – sie alle verbinden sich uns mit dem, was uns grauenhaft ist am 20. Jahrhundert, weil es nicht Sprache, Bild und Theorie blieb, sondern Wirklichkeit wurde und so zum inzwischen untilgbaren Grundschrecken unserer Existenz auch im neuen Jahrtausend.

Nietzsches philosophische Geschichten haben Gesichter bekommen: erschreckende, erschütternde, unmenschliche. Bleibt die Bestürzung, weniger darüber, dass er nicht hat kommen sehen wie es gekommen ist als darüber, dass er die neue, schreckliche Wahrheit geistig heraufbeschworen, begrüßt, bejaht, als notwendig begründet und verkündet hat. Manchmal scheint es sogar, als hätte er als selbstproklamierter Antichrist sie überhaupt erst in die Welt gesetzt.

Das ist natürlich falsch. Nach dem Motto "Werde, der du bist" begab sich Nietzsche auf die geistige Suche nach sich selbst und entdeckte in sich die ganze Welt. Daraus hat er seine Welterklärung gemacht. So wird die Selbstüberwindung – die Überwindung seiner "zweiten Natur", die nichts als Schwäche, Hypersensibilität, dauernde Kränklichkeit, brave Mutter- und Pastorensohnmentalität und Pensionistenexistenz war – in seinen Schriften zur Überwindung des gesamten platonisch-christlichen Abendlandes und seiner Metaphysik. Der vor allem sagte er den Kampf an, hob sie aus den Angeln, schlug ihr den Kopf ab, der sowieso nur Lügen hervorgebracht. Und setzte der Diesseitsverachtung des Christentums, seiner Lebensverneinung und Jenseitsseligkeit ein durch Kunst, vor allem Musik, gesteigertes, das Furchtbare, Abgründige, Todgeweihte des Lebens bejahendes, ganz aufs Diesseits gerichtetes, "dionysisches" Daseinsgefühl entgegen: "Ich widerspreche, wie nie widersprochen worden ist, und bin trotzdem der Gegensatz eines neinsagenden Geistes. Ich bin ein froher Botschafter, wie es keinen gab . . . "

Die Hoffnungen allerdings fußen auf dürftigem Grunde. Schon der Sechzehnjährige hatte die Einsicht: Unser Leben hier und jetzt ist alles, dahinter ist nichts. Der böse Traum der Welt ist die einzige Wirklichkeit, die wir haben. Das ist die ganze Wahrheit und sie ist furchtbar. Aber durch Bejahung können wir ihr die Spitze brechen und die Unerträglichkeit des Daseins in unendliche Leidenschaft verwandeln.

Nietzsche ist als Stifter eines neuen Bewusstseins missverstanden und missbraucht worden, vor allem von den Nationalsozialisten. Hitler machte den Verehrer jüdischer Geistigkeit, den Clarté der Franzosen, den Verächter germanisch-deutscher Dumpfheit ("Der ‚deutsche Geist‘ ist meine schlechte Luft ... Gut deutsch sein heißt, sich entdeutschen.") kurzerhand zu seinem Philosophen und zum geistigen Vorreiter der "Bewegung". Wie konnte das geschehen? Der Grundstein dazu wurde in der Editionsgeschichte seiner Werke, einer kriminellen Verfälschungsgeschichte sondergleichen von Nietzsches deutschnationaler Schwester gelegt. Ihr fiel der Nachlass zu. Sie strich, was ihr nicht behagte, und entblödete sich nicht, Passagen wegzubrennen und ihnen dadurch entgegengesetzte Aussagen zu geben. In willkürlichster Zusammenstellung und unter einem Titel, der bei Nietzsehe selber nur zeitweise als einer unter vielen gehandelt wurde, gab sie sein angebliches Hauptwerk als "Wille zur Macht" heraus. Inzwischen wurde ihre Pfuscherei aufgedeckt und korrigiert; wir haben Zugang zum authentisehen Nietzsche.

Bedrohlich genug bleibt er trotzdem: Nietzsche ist der "Meister des gefährlichen Denkens" (Sloterdijk) schlechthin: Und gefährlich ist er nicht nur wegen seiner Gedanken, sondern auch wegen seines Stils, in dem er seine Wahrheiten zur Sprache bringt. Der verführt durch irisierenden, magischen Glanz, wie ihn die deutsche Philosophie vorher nicht gekannt. Am Ende seines bewussten Lebens gestand Nietzsche (man sollte sich das immer vor Augen halten, wenn man seine schwindelerregenden Einsichten nachzuvollziehen versucht): "Ich will kein Heiliger sein, lieber ein Hanswurst." Und: "Es ist durchaus nicht nötig, nicht einmal erwünscht, Partei ( ... ) für mich zu nehmen: im Gegenteil, eine Dosis Neugierde, wie von einem fremden Gewächs, mit einem ironischen Widerstande, schiene mir eine unvergleichlich intelligentere Stellung zu mir." Der 1844 geborene Pfarrerssohn aus Röcken bei Lützen nahe Leipzig, der als mitleidsverachtender "Dionysos gegen den Gekreuzigten" antrat, fällt am 3. Januar 1889 in Turin weinend einem misshandelten Kutschergaul um den Pferdehals und erlischt geistig an einer fatalen Gehirnerweichung.

Aktuell bis auf den heutigen Tag

Bis zu seinem Tod im neuen Jahrhundert am 25. August 1900 siecht er dahin; keine 56 Jahre ist er alt geworden. Die Flucht aus dem protestantischen "Tantenmilieu", in dem er aufwuchs, der Ausflug in die eisige Höhenluft der Einsamkeit großer Geister, endete mit einem diabolischen Absturz.und genau dort, wo er begonnen: in der Obhut von Mutter und Schwester. Unter der Vorherrschaft des "Lamas", wie er die ungeliebte Schwester zu nennen pflegte, machten sich die Nachlassgeier noch zu seinen Lebzeiten über die Handschriften des Philosophen her und bastelten an seinem zweifelhaften Ruhm.

Als Nazi-Philosoph, der er nie war, ist Nietzsche überholt, als Philosoph unserer Zukunft bleibt er in kritischer Distanz aktuell. Er überlebt uns alle mit unseren "menschlich-allzumenschlichen", wohlstandsbürgerlichen Bedenken und Einwände, gegen ihn. Was scheren sie die Wahrheit, die durch ihn spricht mit all ihren Verspiegelungen, Verstellungen und Verzerrungen? Die Weltwahrheit hat ein neues, vielleicht letztes Buch aufgeschlagen, das erste Kapitel darin stammt womöglich von Friedrich Nietzsche.

Bernhard Windisch (52) lebt als Schriftsteller in Nürnberg.