DER ENTLARVER HINTER DER MASKE

Die Sprache der Seele in der Philosophie Friedrich Nietzsches

von MARTIN BURGER

Dieses Manuskript zum 100. Todestag Friedrich Nietzsches erschien in einer überarbeiteten, zweiteiligen Fassung in PSYCHOLOGIE HEUTE:

  • Teil 1: Der Entlarver hinter der Maske. Die Sprache der Seele in der Philosophie Nietzsches, PH-Heft 9/2000.

  • Teil 2: Demaskierung des Entlarvers? Sinn und Unsinn "tiefenpsychologischer" Deutungen der Philosophie Nietzsches, PH Heft 10/2000.

Martin Burger, Jahrgang 1945, ist Diplompsychologe. Er studierte in Heidelberg und Hamburg Psychologie, Philosophie, Theater und Erziehungswissenschaften. Seit 1974 ist er Dozent für Psychologie und Pädagogik an einer Hamburger Fachschule für Sozialpädagogik, seit 1999 zusätzlich Lehrer für Philosophie am Gymnasium. Zeitschriftenpublikationen zu musikalischen und philosophischen Themen. Sein besonderes Interesse gilt der Philosophie Nietzsches.

Anschrift:

Martin Burger
Gertigstraße 11
22303 Hamburg

PSYCHOLOGIE HEUTE SEPTEMBER 2000     100. Todestag Friedrich Nietzsches (I)

PHILOSOPHIE UND PSYCHOLOGIE S. 60 ff.

Martin Burger

Der Entlarver hinter der Maske

Die Sprache der Seele in der Philosophie Nietzsches

Friedrich Nietzsche, dessen Todestag sich am 25. August zum hundertsten Male jährt, verstand sich als Welterschütterer, nach dem die Zeitrechnung umgeschrieben werden sollte, als "eine force majeure, ein Schicksal", das "die Geschichte der Menschheit in zwei Stücke" bricht. "Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit", heißt es in seiner Autobiografie Ecce homo, einem der letzten Werke, niedergeschrieben kurz vor dem geistigen Zusammenbruch.

Die Bedeutung Nietzsches als Philosoph, Dichter und Diagnostiker seiner Zeit ist inzwischen unbestritten und wird zunehmend erkannt. Unverständlich ist allerdings, dass in der über hundertjährigen Nietzsche-Rezeption der Psychologe Nietzsche weitgehend vernachlässigt wurde. Dabei sind große Teile seiner Philosophie, seine Moralkritik, seine Kunst- und Machttheorie, reinste Psychologie. Wo Nietzsche von Philosophie spricht, kommt die Seele zur Sprache. "Dass aus meinen Schriften ein Psychologe redet, der nicht seines Gleichen hat, das ist vielleicht die erste Einsicht, zu der ein guter Leser gelangt" – so fasst Nietzsche sein Schaffen zusammen und fährt fort: "Wer war überhaupt vor mir unter den Philosophen Psycholog ... ? Es gab vor mir noch gar keine Psychologie" außer "höherem Schwindel" und "Idealismus". "Die gesammte Psychologie ist bisher an moralischen Vorurtheilen und Befürchtungen hängen geblieben: sie hat sich nicht in die Tiefe gewagt." Man wird deshalb "verlangen dürfen, dass die Psychologie wieder als Herrin der Wissenschaften anerkannt werde..."

Die "unerhörte psychologische Tiefe und Abgründlichkeit", die Nietzsche für sich reklamiert, haben auch andere erkannt. Sigmund Freud, der nicht umhin konnte, Nietzsche zu bewundern, bemerkt in seiner Selbstdarstellung, dass "dessen Ahnungen und Einsichten sich oft in der erstaunlichsten Weise mit den mühsamen Ergebnissen der Psychoanalyse decken...". Alfred Adler nennt ihn "eine der ragenden Säulen unserer Kunst" und wird nicht müde, seine Bedeutung hervorzuheben. Für C. G. Jung war die Lektüre von Nietzsches Schriften die Vorbereitung, mit der er zur "modernen Psychologie" gelangte. Gottfried Benn meint gar, "die ganze Psychoanalyse ... ist seine Tat". Noch extremer äußert sich Karl Jaspers, der Nietzsches Denken über die Tiefenpsychologie stellt. Mehr noch: Die Psychoanalyse sei "mitschuldig an der geistigen Niveausenkung", sie habe "die unmittelbare Auswirkung des eigentlich Großen (Kierkegaard und Nietzsche) in der Psychopathologie verhindert". Tatsächlich wurden aber nahezu sämtliche Psychoanalytiker der ersten Stunde, so auch Rank, Tausk, Wittels, Reik, Hitschmann von Nietzsche inspiriert.

Psychologische Erkenntnisse sind bei Nietzsche schon früh zu finden. Die Stimme des Seelenarchäologen klingt bereits leise an in den vielen schriftstellerischen Versuchen des Kindes und Jugendlichen. Mit 15 Jahren interessiert er sich für den Ursprung des Bösen. Die griechischen Klassiker, Arthur Schopenhauer und nicht zuletzt die persönliche Bekanntschaft mit Richard Wagner sind wesentliche Impulse für sein psychologisches Denken.

In Nietzsches Frühwerk klingen Leitmotive an, die auf spätere psychologische Konzeptionen hindeuten. Seine 1872 veröffentlichte Erstlingsschrift Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik enthält bereits eine Kunstpsychologie, eine Analyse einander widerstreitender Kunsttriebe die des dionysischen Rausches und des apollinischen Traumes –, deren Verschmelzung das tragische Kunstwerk ergeben. Die darauf folgenden vier Unzeitgemässen Betrachtungen sind auf den ersten Blick noch dem romantischen Denken Schopenhauers und Wagners verhaftet, unterschwellig kündigt sich aber schon der scharfsichtige Diagnostiker der Kultur und des Menschen an.

Nach 1876 wandelt sich Nietzsche unter dem Einfluss der Aufklärungsepoche, der französischen Moralisten und des Freundes und Psychologen Paul Rée zum Antimetaphysiker und psychologischen Beobachter von Moral, Religion und Gesellschaft. Er entwickelt eine Psychologie, die hinter den Bewusstseinszuständen Trieb- und Leibzustände aufdeckt. Nicht das Bewusstsein ist "der Kern des Menschen; sein Bleibendes, Ewiges, Letztes, Ursprünglichstes!". Vielmehr ist "der erhaltende Verband der Instincte so überaus viel mächtiger. jetzt erst dämmert uns die Wahrheit auf, dass der allergrösste Theil unseres geistigen Wirkens uns unbewusst, ungefühlt verläuft ... Bewusstsein ist eine Oberfläche, Seele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe."

Vor allem wird Psychologie nun zu einem Instrument der Skepsis, des Misstrauens und der Ideologiekritik. Aufgrund seines aphoristischen Experimentalismus und der Tatsache, dass Nietzsche bis zum Zarathustra keinen zentralen Gedanken verfolgt, quellen die Schriften der mittleren Periode (Menschliches, Allzumenschliches; Morgenröthe und Die fröhliche Wissenschaft) über vor Ideen. Sowohl Kunst, Religion, Metaphysik als auch so genannte höhere Ideale wie Barmherzigkeit, Askese, Aufopferung und Mitleid werden auf den Seziertisch des Psychologen gelegt und – wie Nietzsche es nennt – einer "Vivisektion" unterzogen. Der Durst nach Mitleid etwa sei "ein Durst nach Selbstgenuss, und zwar

"Wer sich selbst erniedrigt, will erhöhet werden"

auf Unkosten der Mitmenschen", er zeige "den Menschen in der ganzen Rücksichtslosigkeit seines eigensten lieb Selbst...". Und an anderer Stelle erfährt der erstaunte Leser: "Wer sich selbst erniedrigt, will erhöhet werden." Sein Menschliches, Allzumenschliches, ein, wie er es nennt, "Buch für freie Geister", ist eine schier unerschöpfliche Quelle entlarvungspsychologischer Erkenntnisse. "Sogenannte unegoistische Handlungen" werden als Irrtümer einer "Analysis" unterzogen und ihre eigentlichen Motive demaskiert. So, wenn Nietzsche in der Dankbarkeit "eine mildere Form der Rache" erkennt oder konstatiert: "Die Bestie in uns will belogen werden; Moral ist Nothlüge, damit wir von ihr nicht zerrissen werden".

Charaktermängel werden enttarnt und dem Leserschaft schonungslos vor Augen geführt: "Wer die Eitelkeit bei sich leugnet, besitzt sie gewöhnlich in so brutaler Form, dass er instinctiv vor ihr das Auge schliesst, um sich nicht verachten zu müssen." Keine noch so moralische Absicht wird verschont, beispielsweise wenn Nietzsche behauptet. "Wenn die Neugierde nicht wäre, würde wenig für das Wohl des Nächsten gethan werden. Aber die Neugierde schleicht sich unter dem Namen der Pflicht oder des Mitleides in das Haus des Unglücklichen und Bedürftigen."

Zudem wendet sich Nietzsche gegen das Postulat der Willensfreiheit und zieht die Schuldfrage des Menschen in Zweifel: "Die bösen Handlungen, welche uns jetzt am meisten empören, beruhen auf dem Irrthume, dass der Andere, welcher sie uns zufügt, freien Willen habe, also dass es in seinem Belieben gelegen habe, uns diess Schlimme nicht anzuthun." Hinzu kommen Motivationsanalysen über das Macht- und Geltungsstreben und Fragen nach Leiblichkeit und Gesundheit, unbewussten Motiven, moralischen Empfindungen und Vorurteilen.

Trotz aller Erbarmungslosigkeit und negativer Kritik im Kampf gegen Verlogenheit, Heuchelei und Unredlichkeit versteht sich Nietzsche zunehmend als "Gegensatz eines neinsagenden Geistes". Er gewinnt eine ironische Distanz zur Wissenschaft und zur eigenen Person. Die Gestalt des "freien Geistes" erhält Kontur, eine Denkfigur, die nicht mehr bloß seziert, sondern spielerisch mit Gott, Welt, der Wissenschaft und dem Leben experimentiert und "jedem Glauben, jedem Wunsch nach Gewissheit den Abschied giebt, geübt ... auf leichten Seilen und Möglichkeiten sich halten zu können und selbst an Abgründen noch zu tanzen".

So ist Nietzsches mittlere Schaffensperiode dadurch charakterisiert, dass seine Wissenschaft zunehmend "fröhlich" wird. Hinter der Maske des eiskalten Entlarvers geistert ein neuer Enthusiasmus.

In Also sprach Zarathustra schließlich verkündet Nietzsche in einer metaphorischen Evangeliensprache die oft missverstandene und missbrauchte Lehre vom Übermenschen. Wo alles ohne Sinn ist ("Seit Copernikus rollt der Mensch aus dem Centrum ins X") und die moralische Weltauslegung in Nihilismus endet, kann die Konsequenz aus dem Zerfall der abendländischen Werte – des Todes Gottes – nur die Bejahung des Lebens sein: An die Stelle Gottes wird die Erde gesetzt, deren Sinn der "Übermensch" ist. Dieser aber ist kein gesteigerter darwinistischer Überaffe, sondern ein ja sagender, dennoch skeptischer Geist, der sich selbst nachfolgt aus Freiheit und Notwendigkeit. Nietzsches Lehre auf eine Philosophie der Gewalt zu reduzieren ist unangebracht. Er verstand sich als lebensbejahender Immoralist, nicht als destruktiver amoralischer Philosoph. Der Übermensch, der das Ganze der Welt – auch sein Leiden bejaht, zielt auf ein Über-sich-hinaus, ein "Werde, der du bist!". Und zwar als Prinzip Hoffnung: "Niemals noch gab es einen Übermenschen" – so Nietzsche –, "aber irgendwann muss er uns doch kommen, der erlösende Mensch, der der Erde ihr Ziel und dem Menschen seine Hoffnung zurückgiebt, dieser Antichrist und Antinihilist ... er muss einst kommen".

Im Zarathustra entwickelt Nietzsche auch jene Psychologie, die er später als "Morphologie und Entwicklungslehre des Willens zur Macht" charakterisiert. Geht er zunächst noch von einem Dualismus von Macht und Vernunft aus, so gelangt er erst im Zarathustra zu einer monistischen Auffassung, wonach der "Wille zur Macht" die zentrale Grundkraft ist, aus der die Gesamtheit sowohl aller Leidenschaften (Triebe) als auch der Vernunft (des Intellekts) resultiert. Die höchste Erscheinungsform des Willens zur Macht ist die Vernunft und der Wille zur Selbstüberwindung.

Nicht die Unterdrückung der Sinnlichkeit, sondern die Rechtfertigung und Beherrschung der Triebe machen den mächtigen Menschen aus. "Der freieste Mensch hat das größte Machtgefühl über sich ... die größte Ordnung im nothwendigen Kampfe seiner Kräfte..." Bereits in Menschliches, Allzumenschliches spricht Nietzsche direkt von der

"Der Wille zur Macht": Wille zur Selbstüberwindung, aber kein politisches Programm

"sublimirten Geschlechtlichkeit". Und in Jenseits von Gut und Böse heißt es entsprechend: "Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen reicht bis in den letzten Gipfel seines Geistes hinauf"

Nietzsche wollte den Willen zur Macht weder als politisches Programm noch als Handlungsempfehlung verstanden wissen, sondern als "Instinkt der Freiheit", "schöpferischen Eros" und in seinen späteren Schriften gar als "Grundkraft des gesamten Universums". Er verwarf den brutalen Sinn des Machtbedürfnisses, vielmehr erkannte er seinen kompensatorischen Aspekt: "Ich habe die Kraft gefunden, wo man sie nicht sucht, in einfachen milden und gefälligen M(enschen) ohne den geringsten Hang zum Herrschen – und umgekehrt ist mir der Hang zum Herrschen oft als ein inneres Merkmal von Schwäche erschienen: sie fürchten ihre Sklavenseele und werfen ihr einen Königsmantel um..."

In den Spätschriften Jenseits von Gut und Böse, Zur Genealogie der Moral und Der Antichrist wendet sich Nietzsche verstärkt moral- und religionspsychologischen Fragen zu. Bei der Entstehung des Christentums etwa habe eine Umwertung ursprünglich lebensbejahender, kraftvoller Werte und Instinkte stattgefunden. Die griechische und römische Antike – so Nietzsche – kannte noch eine "Herrenmoral", wonach das Gute gleichbedeutend war mit dem Vornehmen (Mächtigen, Schönen, Glücklichen ...), das Schlechte mit dem Unvornehmen (Ohnmächtigen, Niedrigen, Elenden ... ). Vor 2000 Jahren habe dann jener "Sklavenaufstand in der Moral" stattgefunden, der den welthistorischen, aber verhängnisvollen Sieg über die römischen Herrscher mit sich brachte und mithin eine Umwertung von Gut in Böse. Seitdem sei "die Moral die Gefahr der Gefahren". Seither gelte: "Die Elenden sind allein die Guten, die Armen, Ohnmächtigen, Niedrigen sind allein die Guten, die Leidenden, Entbehrenden, Kranken, Hässlichen sind auch die einzig Frommen, die einzig Gottseligen, für sie allein giebt es Seligkeit, – dagegen ihr, ihr Vornehmen und Gewaltigen, ihr seid in alle Ewigkeit die Bösen ... ihr werdet auch ewig die Unseligen, Verfluchten und Verdammten sein!" Alle Ideale des Neuen Testaments stammen für Nietzsche aus dem Ressentiment, dem Rachegefühl und Lebensneid der Schlechtweggekommenen: "Der Sklavenaufstand in der Moral beginnt damit, dass das Ressentiment selbst schöpferisch wird und Werthe gebiert." Die christlichen Heiligen erscheinen ihm als eine Versammlung von machtlüsternen Neurotikern und Psychotikern.

Um aber den "gefährlichsten Spreng- und Explosivstoff" des Ressentiments, des nicht ausgelebten und darum vergiftenden Grolls zu zügeln, habe es in der Menschheitsgeschichte eines Mittels bedurft, um die Aggression von außen nach innen zu lenken: das des "schlechten Gewissens". Diese Wendung nach innen nennt Nietzsche "Verinnerlichung". Unter den Händen des christlichen Priesters nun – allein Jesus nimmt Nietzsche von seiner Christentumskritik aus

"Die religiöse Neurose": Krankhafte Dynamik der Affektunterdrückung

und spricht ihn von jedem Ressentiment frei – wurde das "thierische" Schuldgefühl im Rohzustand zur persönlichen Sündhaftigkeit umgedeutet, auf deren Grund lebensfeindliche Kräfte und unterdrückte Grausamkeiten weiterschwelten. Durch diese Umdeutung von Schuldgefühlen und Leiden in Sünde wurden masochistische Phänomene wie Strafbedürfnisse und Bußquälereien ermöglicht, die durch ihre "Gefühls-Ausschweifungen" das Leben zwar wieder erleichterten und interessanter gestalteten, die Nerven aber zerrütteten und zur "religiösen Neurose" führten. "Die krankhafte Dynamik von Affektunterdrückung, Wendung der Affekte gegen die eigene Person, schlechtem Gewissen und kompensatorischer Idealbildung" war für Nietzsche "ein phylogenetisches Problem", das auf eine "furchtbare Tyrannei" in der Menschheitsgeschichte zurückging. Mit der Wendung der Instinkte nach innen, der "Verinnerlichung der Aggression, wuchs erst das an den Menschen heran, was man später seine ‚Seele’ nennt".

In der Vorrede zur Genealogie der Moral fasst Nietzsche seine psychologische Botschaft zusammen: "An dem Tage aber, wo wir ... sagen: vorwärts! auch unsre alte Moral gehört in die Komödie!’ haben wir für das dionysische Drama vom ,Schicksal der Seele’ eine neue Verwicklung und Möglichkeit entdeckt".

Aber nicht nur in der christlichen Religion, auch in jedem "Idealismus", bis hinein in den "Demokratismus" der Neuzeit, entdeckt Nietzsche Spuren des religiösen Unwesens und der lebensfeindlichen Moral. In der "Götzen-Dämmerung" nennt sich Nietzsche einen" alten Psychologen und Rattenfänger", der an "Zeitgötzen und ewige Götzen mit dem Hammer wie mit einer Stimmgabel" rührt.

Die Parallelen von Nietzsches Psychologie zur Tiefenpsychologie sind offensichtlich. Mit Recht kann er als Ahnherr der Psychoanalyse angesehen werden. Beide Psychologien, die von Nietzsche und die von Freud, bewegen sich für den Berliner Psychologen Günter Gödde "im Spannungsfeld von Trieb und Vernunft, Bewußtem und Unbewußtem, Rationalem und Irrationalem, Oberfläche und Tiefe, Schein und Realität, Lüge und Wahrheit". Worte und Taten werden von beiden "als Manifestationen unbewußter Antriebe, hauptsächlich von Trieben und Triebkonflikten" angesehen, für beide ist "das Unbewußte das Reich der wilden tierischen Instinkte". Wie bereits Nietzsche deutet Freud die "Seele als ein System von Trieben" und das Bewusstsein als Spielball unbewusster Kräfte. "All unser sogenanntes Bewusstsein", heißt es in der Morgenröthe, ist "ein mehr oder weniger phantastischer Commentar über einen ungewussten, vielleicht unwissbaren, aber gefühlten Text".

Auch die von Freud beschriebenen so genannten "Triebschicksale" und Mechanismen der "Verinnerlichung", der "Wendung gegen das eigene Ich", der "Sublimierung" (der "sublimirten Geschlechtlichkeit") und der "Projektion" finden sich schon wörtlich bei Nietzsche. Deutliche Übereinstimmungen zwischen Nietzsche und Freud lassen sich auch hinsichtlich der "Verkehrung ins Gegenteil" und der "Rationalisierung" aufzeigen. In einer Fußnote zu seiner Psychopathologie des Alltagslebens hat Sigmund Freud Nietzsches Theorie der Verdrängung gewürdigt: "Keiner von uns allen hat aber das Phänomen und seine psychologische Begründung so erschöpfend und zugleich so eindrucksvoll darstellen können wie Nietzsche: Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.’"

Bemerkenswert ist weiterhin die Tatsache, dass der Begriff des "Es" schon bei Nietzsche erscheint, um über Groddeck an Freud zu gelangen. Auch hinsichtlich der Gewissensbildung gibt es ähnlich klingende Äußerungen bei beiden Autoren. In Menschliches, Allzumenschliches schreibt Nietzsche: "Der Inhalt unseres Gewissens ist Alles, was in den Jahren der Kindheit von uns ohne Grund regelmässig gefordert wurde, durch Personen, die wir verehrten oder fürchteten. Vom Gewissen aus wird also jenes Gefühl des Müssens erregt (,dieses muss ich thun, dieses lassen’), welches nicht fragt: warum muss ich? ... Der Glaube an Autoritäten ist die Quelle des Gewissens: es ist also nicht die Stimme Gottes in der Brust des Menschen, sondern die Stimme einiger Menschen im Menschen." Auf die "wirklich bemerkenswerte Analogie" zwischen Freuds Auffassung des Über-Ichs und Nietzsches Darlegungen über den Ursprung des schlechten Gewissens hat schon Ernest Jones hingewiesen. Wie für Nietzsche ist schließlich auch für Freud das Schuldgefühl "das wichtigste Problem der Kulturentwicklung". Nicht zuletzt bestehen Parallelen zwischen dem Begriff des "Ich", den schon Nietzsche verwendet, und den Auffassungen von unbewussten Vorgängen sowie vom Traumgeschehen, die Freuds "Wunscherfüllungstheorie"

"Der Glaube an Autoritäten ist die Quelle des Gewissens"

nahe kommen. "Unsere Träume", sagt Nietzsche, haben "eben den Werth und Sinn..., bis zu einem gewissen Grade jenes zufällige Ausbleiben der ‘Nahrung’ während des Tages zu compensiren, sie umschreiben unsere Erlebnisse oder Erwartungen oder Verhältnisse mit dichterischer Kühnheit und Bestimmtheit". Beide, Freud wie Nietzsche, stimmen in ihren kultur-, religionskritischen, antichristlichen Ansichten überein, beide befürworten die sublimierte Geschlechtlichkeit, beide können als "entlarvende Psychologen" bezeichnet werden.

Während Freud jedoch den Sexualtrieb ins Zentrum rückt und von einer "Psychologie des Es" spricht, leitet Nietzsche das Triebleben aus dem "Willen zur Macht" ab. Insofern kommt Nietzsche der Individualpsychologie Alfred Adlers sehr nahe, da diese eine Psychologie des Machttriebes und seiner tausendfältigen Ausprägungen im Seelenleben darstellt. In Adlers Hauptwerk Über den nervösen Charakter finden sich Nietzsche-Zitate in Hülle und Fülle.

Er schreibt darin, "daß Nietzsches Wille zur Macht und Wille zum Schein (vieles) von unserer Auffassung umfassen".

Allerdings besteht ein Unterschied, als das "Streben des Menschen nach Überlegenheit" im Sinne Adlers zur Neurose und Geisteskrankheit führt, sofern es "leitende Idee eines Lebensstiles" wird. In der Sicht Adlers ist der "Wille zur Macht" generell das Zentralmotiv zum Verständnis der Neurose; das Ziel des gesunden Lebensstiles ist aber – im Gegensatz zu Nietzsche – die Selbstüberwindung in der Annahme des "Gemeinschaftsgefühls". Für Nietzsche hingegen ist das Machtstreben aus Schwäche eine negative, der Wille zur Macht aus Überfülle und Stärke dagegen keine pathologische Erscheinung. Dennoch ist Adlers Neurosenlehre "buchstäblich die Anwendung der Machtpsychologie Nietzsches auf die bewußte und unbewußte Lebensführung des seelisch kranken Menschen" und entspricht dessen Theorie des Ressentiments: Angst, Hilfsbedürftigkeit und Schwächedemonstrationen, das Instrumentarium des neurotischen Menschen, kurz seine "Lebenslüge", sind nur Versuche des "Obenaufkommens", um kompensatorisch "der allgemein menschlichen inneren Unsicherheit ein Ende" zu bereiten und so die "Integrität der Persönlichkeit" zu bewahren.

Neben dem "Minderwertigkeitsgefühl" und dem daraus resultierenden Macht- und Geltungsstreben stimmen Nietzsche und Adler auch hinsichtlich der Auffassung von der masochistischen "Selbstverkleinerung" des Menschen überein. "Wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als Verächter", so Nietzsche:

"Der getretene Wurm krümmt sich. So ist es klug. Er verringert damit die Wahrscheinlichkeit, von Neuem getreten zu werden. In der Sprache der Moral – Demuth."

Vom tiefenpsychologischen Dreigestirn befasst sich auch C. G. Jung zeitlebens mit Nietzsche: Der Zarathustra gehört von Jugend an zu seinen Lieblingsbüchern. "Sein alles durchdringendes psychologisches Urteil gab mir eine tiefe Einsicht in das, was Psychologie zu leisten vermag", schrieb der fünfundachtzigjährige Jung kurz vor seinem Tode. In seiner Ablösung von Freud im Jahre 1912 lässt er Zarathustra für sich sprechen: "Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt ... Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So tun alle Gläubigen. Nun heiße ich euch, mich verlieren und euch finden."

Von 1934 bis 1939 hält Jung interne Vortrags- und Seminarveranstaltungen über den Zarathustra. Er entdeckt eindeutige Beziehungen zwischen seiner Typenlehre – den Funktionstypen Denken, Fühlen, Empfinden, Intuieren und den Einstellungstypen Introversion und Extraversion – und Nietzsches Begriffspaar des Apollinischen und Dionysischen. Inhalte des "kollektiven Unbewussten" würden, wie Jung andeutet, durch den Zarathustra offenbart: Nietzsche habe "archetypische Triebkräfte ungeahnten Ausmaßes benannt, ja verkündet, wodurch der ‘Seelen-Errater’ schließlich zum Dämonenbeschwörer geworden ist, zum apokalyptischen Seher".

Angemerkt sei noch, dass es Berührungspunkte von Nietzsches psychologischen Erkenntnissen auch mit dem Behaviorismus und der Humanistischen Psychologie gibt. Abraham Maslow etwa, der die "Gesundheit" und die "Selbstverwirklichung" ins Blickfeld rückt und dem Nietzscheschen "Du sollst werden, der du bist" nahe steht, bezieht sich wörtlich auf ihn. Auch die Transaktionsanalyse, die Bioenergetik, die Gestalttherapie, die social network intervention und die psycho-history von Erikson ähneln in vieler Hinsicht den Konzeptionen Nietzsches.

PSYCHOLOGIE HEUTE Oktober 2000 100. Todestag Friedrich Nietzsches (II)

(S. 64-69)

Martin Burger

Demaskierung des Entlarvers?

Sinn und Unsinn "tiefen"-psychologischer Deutungen der Philosophie Nietzsches

Nietzsches Leben und Werk sind trotz oder vielleicht wegen seiner Psychologie und der radikalen Äußerungen über Christentum, Moral, Krankheit oder Frauen immer wieder Anlass, den "Tiefenpsychologen" selbst einer entlarvenden Analyse zu unterziehen: Nietzsche verführt dazu, seine ausgeklügelte Psychologie gegen ihn selbst anzuwenden, dem erbarmungslosen Entlarver die Maske vom Gesicht zu reißen. Untersuchungen, die die Lebensgeschichte in den Blick nehmen, haben Hochkonjunktur – ungeachtet der Forderung Nietzsches, "Ehrfurcht 'vor der Maske' zu haben".

Dass Nietzsche selbst einen privilegierten Zugang zu seinen psychischen Tiefenschichten hatte, erkannte vor allem Freud: "Eine solche Introspektion wie bei Nietzsche wurde bei keinem Menschen vorher erreicht und dürfte wahrscheinlich auch nicht mehr erreicht werden." Aufgrund seiner Erkrankung habe sich Nietzsche vollständig von der Außenwelt zurückgezogen und sich seinem Ich als Forschungsobjekt zugewandt. "Und da", Freud weiter, "beginnt er mit großem Scharfsinn, gleichsam in endopsychischer Wahrnehmung die Schichten seines Selbst zu erkennen. Er macht eine Reihe glänzender Entdeckungen an seiner Person."

Massive gesundheitliche Probleme zwingen Nietzsche 1879, seine Baseler Professur als Altphilologe aufzugeben. Die rätselhaften Krankheitssymptome, die später meist als Vorboten einer Paralyse gedeutet werden, bewirken die entschiedene Hinwendung zur Psychologie. Seine psychologischen Erkenntnisse sind fortan Folge einer radikalen Selbstanalyse, die ihm Einsichten eröffnet in Funktionsweisen des psychischen Apparates: "Die Krankheit brachte mich erst zur Vernunft." Nietzsche entwickelt "jene Psychologie des 'Um-die-Ecke-sehns'", eine Suche "von der Kranken-Optik aus nach gesünderen Begriffen und Werthen", die er im Wesentlichen seiner langwierigen Krankheitsperiode verdankt. Es "ist das eigentliche Geschenk jener Zeit", schreibt er, "in der Alles sich bei mir verfeinerte, die Beobachtung selbst wie alle Organe der Beobachtung. Erst der grosse Schmerz ist der letzte Befreier des Geistes, als der Lehrmeister des grossen Verdachtes."

Auch wenn sich Nietzsche später wieder von der Selbstanalyse distanziert, weil sie zur Schwächung des Selbst führe und er – anders als die Psychoanalyse – auf die Gefahren der Selbsterkenntnis hinweist, sind seine Werke bis zuletzt Seelentagebücher, die das Wesen des Philosophen offenbaren und zugleich verhüllen.

Vielleicht ist Nietzsche dort am schwersten zu fassen, wo er sich zu enthüllen scheint. Er selbst versteht sich als "der Versteckteste aller Versteckten".

Seine Verliebtheit in die Maske, in Ironie, Verstellung und virtuose Sophistik sind Teil seiner Psychologie. Seine demaskierende Methode hat bisweilen etwas vordergründig Maskenhaftes, seine dichterische "Wissenschaft" etwas bedenklich Unbedenkliches an sich. Das Verbergen des eigenen Wesens ist Nietzsches Leidenschaft: jeder tiefe Geist braucht eine Maske" so sein Bekenntnis, "jede Philosophie verbirgt auch eine Philosophie; jede Meinung ist auch ein Versteck, jedes Wort auch eine Maske."

Das Rätsel Nietzsche: für immer unlösbar?

Der freie Geist, der Wanderer, Prinz Vogelfrei, Zarathustra, Dionysos, sogar Richard Wagner scheinen wie Facetten seines eigenen Selbst. "Es giebt freie freche Geister", sagt Nietzsche, "welche verbergen und verleugnen möchten, dass sie zerbrochene stolze unheilbare Herzen sind; und bisweilen ist die Narrheit selbst die Maske für ein unseliges allzugewisses Wissen." Nietzsches Verhüllungskünste, seine schillernden Wahrheiten und Doppelbödigkeiten machen seine Faszination aus. Zugleich aber wollen sie den Leser verführen, sich gegen ihn aufzulehnen und sich selbst zu durchforschen.

Dass Nietzsche durch seine provokanten Äußerungen sowie seine Methode der Maskierung und unerbittlichen Demaskierung zu Missverständnissen beiträgt, versteht sich von selbst. Einige Interpreten bemühen hingegen eine Optik und einen Wertekanon, die Nietzsche gerade zu entlarven gedachte. Die Entdeckung und Enthüllung der christlichen Moral etwa, die sich Nietzsche als einzigartig zurechnete, wird an eben jener Moral gemessen, die er entlarvte. Derartige Interpretationen setzen sich dem Vorwurf aus, wesentliche Züge seines Denkens misszuverstehen oder zu verkennen. Ein Beispiel solch einer profunden Unkenntnis ist auch die Identifizierung Nietzsches als Proto-Nazi, während dieser alles Gewalt-Herrische und den Antisemitismus zutiefst verabscheute.

Überblickt man die Nietzsche-Literatur, entdeckt man im Wesentlichen zwei gegensätzliche Positionen. Ein Teil der Autoren beschäftigt sich vornehmlich mit der Philosophie Nietzsches und schließt einen Zusammenhang zwischen Leben und Werk weitgehend aus, während der andere sein Denken direkt aus der Lebensgeschichte herleiten zu können glaubt. Nicht selten wird das Werk aus einem Aspekt des Lebens gedeutet oder als Steinbruch zur Bestätigung eigener Ansichten genutzt. Die Folge ist ein heilloser Interpretationsanarchismus:

Alice Miller etwa sieht die Auflehnung gegen das Christentum in Nietzsches Kindheit begründet – vor allem im Hass auf die Frauen seiner Kindheit –, Horst E. Richter dagegen erkennt in der vermeintlichen "Aufforderung zur Produktion des Übermenschen" ein "selbstzerstörerisches Moment". Rudolf Kreis liest das Gesamtwerk aus dem Blickwinkel des Todes von Nietzsches Vater, während JΨrgen Kjaer dem Mutterproblem besondere Beachtung schenkt und Gaetano Benedetti die Bilder der "großen Gesundheit" und des "Übermenschen" als Kompensationen einer latent depressiven Neurose" und eines "Überich-Splittings" versteht. Hermann Josef Schmidt wiederum spricht von "christogener Neurose" und Joachim Köhler will Nietzsches Philosophie gar auf die verschlüsselte Botschaft einer getarnten Homosexualität reduziert wissen.

Während Nietzsches Leben also zur Stützung zahlreicher, zum Teil beliebiger Theorien herangezogen wird, hat Sigmund Freud sich gegen eine definitive Nietzsche-Ausdeutung gewandt: "Vor dem Nietzsche-Problem stehen für mich zwei Wächter, die mir den Eingang verwehren. Erstens, man kann einen Menschen nicht durchleuchten, wenn man seine Sexualkonstitution nicht kennt, und die Nietzsche's ist völlig rätselhaft. Zweitens, er hatte eine schwere Krankheit. Wenn einer eine Paralyse hat, treten die Konflikte in der Ätiologie weit zurück."

Pia Volz weist zwar darauf hin, dass die Einschätzung Freuds aus einer Zeit stammt, in der Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche das Bild seiner Persönlichkeit durch Vernichtung von Aufzeichnungen dahingehend verfälscht habe, dass Nietzsche "in sexueller Beziehung wie ein Heiliger" erschien. Damit hat sich die Sachlage allerdings nicht verändert, und Freuds Frage ist bisher unbeantwortet geblieben. Auch das Köhlersche Diktum einer Homosexualität – die von Freud und Stekel ebenfalls vermutet wurde – erweist sich angesichts der heterosexuellen Fantasien in Nietzsches Werken als unhaltbar und führt nicht weiter.

Eine vollständige Enträtselung Nietzsches dürfte auch deshalb schwerlich gelingen, weil seine Philosophie nicht nur Ergebnis seiner Persönlichkeit ist, sondern auch der Eigengesetzlichkeit seines Denkens entspringt. Lediglich einige Gedankenstränge und Lebenshaltungen dürften aus dem lebensgeschichtlichen Kontext verständlich werden. Jede psychoanalytische Reduktion muss aber – auch im Hinblick auf das spezifisch Schöpferische – letztlich als unvollständig erachtet werden.

Von den Biografen wird Nietzsche als übersensibles, hochintelligentes, angepasstes und ernstes Kind beschrieben. Halluzinationen, intensive Träume von Toten – unter anderem ein antizipatorischer Traum vom Tode seines jüngeren Bruders – gehören zu seinen Kindheitserfahrungen. Als er fünf Jahre alt ist, stirbt sein "geliebter" Vater, ein lutherischer Pfarrer, der ihn mit äußerster Strenge disziplinierte und den er dennoch zeitlebens übermäßig idealisiert. Von allen sei er, schreibt Nietzsche 1884 an seinen Freund Franz Overbeck, "mehr zu den Engeln als zu den Menschen gerechnet" worden. Die auf pastorale Konvention und die sprichwörtliche "Naumburger Tugend" eingeschworene Mutter erzieht den Jungen mit Zuckerbrot und Peitsche und versucht ihn zeitlebens narzisstisch an sich zu binden. Von Nietzsches Antichristentum und seiner Philosophie will sie später nichts wissen und erwägt nach seiner Umnachtung, seine Bücher zu verbrennen. Während der Affäre um Lou von Salomé nennt sie ihn "eine Schande für das Grab" seines Vaters. Dennoch gelingt es Nietzsche kaum, sich ernstlich von der Mutter zu befreien, er bleibt sein Leben lang ambivalent an sie gebunden.

Nach dem Tode des Vaters sieht sich Nietzsche als einziges männliches Wesen fünf frommen Frauen gegenüber: der Mutter, der Großmutter, zwei Tanten und der Schwester. Massive Erfahrungen innerer Einsamkeit, Verlassenheit und Trennungserlebnisse prägen die Seelenlandschaft des Kindes. Mit sieben Jahren empfindet er den Verlust der Kindheit und weint darüber. "Ich war schon als Kind allein, ich bin es heute noch, in meinem 44ten Lebensjahre", schreibt Nietzsche an Overbeck. Und in Ecce homo, kurz vor dem Zusammenbruch, heißt es: "In einer absurd frühen Zeit, mit sieben Jahren, wusste ich bereits, dass mich nie ein menschliches Wort erreichen würde."

Obwohl die familiäre Kulisse auffällig im Gegensatz zum späteren Denken steht, sind seine Persönlichkeit und sein Schaffen, seine Haltung gegenüber Frauen, gegenüber Schmerz und Leiden, Schwäche und Krankheit, der Gemeinschaft und dem Individuum vor

Nietzsche und die Frauen: gleichgültige Verehrung?

dem Hintergrund der Kindheitserfahrungen verstehbar. Dass die gesamte Philosophie in selbsttherapeutischer Absicht geschrieben ist, wie Kjaer meint, scheint allerdings zweifelhaft.

Nietzsches Frauenbild ist ambivalent: Im persönlichen Umgang ist er äußerst höflich, den intelligenten, emanzipierten Frauen bringt er Interesse und Bewunderung entgegen. In seinen Schriften jedoch nimmt er Frauen gegenüber eine überwiegend aggressive Haltung ein. Sexuelle Beziehungen kann Nietzsche zeitlebens nicht aufbauen. Wie sehr seine generellen, auf introspektivem Wege gefundenen psychologischen Erkenntnisse seine eigene Person charakterisieren, verdeutlichen folgende Aussagen: "Über Mann und Weib zum Beispiel kann ein Denker nicht umlernen, sondern nur auslernen, – nur zu Ende entdecken, was darüber bei ihm feststeht." Denn, so Nietzsche in Menschliches, Allzumenschliches: "Jedermann trägt ein Bild des Weibes von der Mutter her in sich: davon wird er bestimmt, die Weiber überhaupt zu verehren oder sie geringzuschätzen oder gegen sie im Allgemeinen gleichgültig zu sein."

Was Nietzsche hier allgemein formuliert, trifft auf ihn selbst im Besonderen zu. Sein Bild von der Frau als Objekt der Verehrung einerseits und als gefährliches, verachtungswürdiges Wesen mit der "Tigerkralle unter dem Handschuh" andererseits entspricht in auffälliger Weise dem ambivalenten Mutterbild, das er zeitlebens in sich trägt: der Frau, von der er nicht loskommt, und jener, die er verachtet. In einem Geburtstagsbrief des Dreißigjährigen an seine Mutter heißt es: "Wer weiß, ob Du nicht in 10 Jahren jünger aussiehst als ich in 10 Jahren! ... Irgendwann wird mich jeder, der es nicht besser weiß, für den älteren Bruder halten (und Lisbeth vielleicht ... ) für unser Enkelchen." Seinem Freund Overbeck dagegen vertraut er 1883 an: "Ich mag meine Mutter nicht."

In seinem Aufsatz Über einen besonderen Typus der Objektwahl beim Manne betont Freud, "daß im Unbewussten häufig in Eines zusammenfällt, was im Bewusstsein in zwei Gegensätze gespalten vorliegt": das Bild von der treuen "Mutter" und der untreuen "Geliebten". Im selben Aufsatz schildert Freud die bei einem gewissen Männertypus mit einer infantilen Mutterbindung sich äußernde Tendenz, Liebesobjekte zu wählen, denen "die mütterlichen Charaktere eingeprägt bleiben, daß diese alle zu leicht kenntlichen Muttersurrogaten werden". Damit einher geht eine Fantasie dieses Typus, die "Geliebte zu retten, indem er nicht von ihr läßt" und sich mit dem Vater völlig zu identifizieren, um damit den Wunsch zu befriedigen, "sein eigener Vater zu sein".

Schlägt man die Erkenntnisse der Psychoanalyse nicht als Aberglauben in den Wind, dürfte Nietzsches Haltung gegenüber Frauen im geschilderten "Mutterkomplex" begründet sein. Genauer: seinem "Elternkomplex", denn hinter der Idealisierung des Vaters verbirgt sich der Kampf mit dem imaginären Übervater – der unauslöschliche ödipale Wunsch, seine Stelle einzunehmen und die tieferliegende unbewusste Rivalität zu überdecken, um nicht als "geschädigter Dritter" zu unterliegen.

Wagner und Schopenhauer: Tod der Ersatzväter

Cosima Wagner, die erste Frau von Niveau in Nietzsches Leben, bewundert und verehrt er insgeheim. In Richard Wagner findet er eine Art "Vaterersatz", was ihn in eine verspätete ödipale Phase und damit zwangsläufig in die radikale Abkehr von Wagner in Form einer "zweiten Adoleszenz" treibt. Obwohl sich Nietzsche dagegen entscheidet, die eigene Person auf dem Bayreuther Altar zu opfern, klingen seine Philosophie und Psychologie zu großen Teilen wie Variationen Wagnerscher Ideen. Zeitlebens wird er die Auseinandersetzung mit Wagner – auch nach dessen Tod – und verschlüsselte Liebesbotschaften an Cosima Wagner in seinen Schriften dokumentieren. In der beginnenden Umnachtung bricht dann sein Liebesbekenntnis in einem Brief an sie aus ihm heraus: "Ariadne, meine Geliebte".

Richard Wagner seinerseits dürfte aus einem eigenen Mutterkomplex heraus und aus der Angst vor der Rolle des geschädigten Dritten den einstigen Familienfreund als Rivalen empfunden und seine Entfremdung auf subtile Weise mitinszeniert haben. Dennoch spielt er in Nietzsches Leben eine zentrale Rolle und kann als Schlüssel zum Verständnis seines Werkes nicht hoch genug veranschlagt werden.

Cosima Wagner, Marie Baumgartner, Louise Ott und Malwida von Meysenbug fungieren als Übermütter. Marie Baumgartner nennt er "die beste Mutter, die ich kenne", und an Malwida von Meysenbug schreibt er: "Schenken Sie mir etwas von dieser Liebe, meine hoch-verehrte Freundin und sehen Sie in mir einen, der als Sohn einer solchen Mutter bedarf, ach so sehr bedarf!"

Richard Wagner, Schopenhauer und der Lehrer Ritschl dagegen sind geistige Ersatzväter, an denen der symbolische Vatermord vollzogen werden kann. In der traditionellen Mittwochs-Gesellschaft spricht Freud darüber, dass Nietzsche in Ecce homo seinen Vater "noch einmal" tötet: "Ich bin", schreibt Nietzsche in seiner Autobiografie, "als mein Vater bereits gestorben, ich bin bloss mein Vater noch einmal und gleichsam sein Fortleben nach einem allzufrühen Tode." Nietzsches Eltern-Problematik dürfte auch sein Verhältnis zu Lou von Salomé überschattet haben. Seine starke Beziehung zu ihr wird durch den Freund Paul Rée gefährdet und endet – geschürt durch Intrigen von Nietzsches Schwester – in einem Fiasko.

Insgesamt gesehen sind Nietzsches Beziehungen – zur Mutter und zur Schwester, zu Wagner, zu Frauen und zunehmend auch zu Freunden – durch eine merkwürdige Ambivalenz gekennzeichnet, die ihn mehr und mehr in die selbst gewählte Isolation treibt.

Vor dem Hintergrund des Elternkomplexes werden die inneren, unauflösbaren Konflikte verständlich. Seine Sehnsucht nach der Mutter-Geliebten enthält auch Furcht vor zu viel Nähe und fördert Abhängigkeitsgefühle zutage, die seine Unerfülltheit und Einsamkeit zu verewigen drohen.

Gleichermaßen finden die Suche nach dem Vater und der innere Kampf mit ihm ihre Entsprechung in der ambivalenten Haltung zum Ideal. Nietzsches Unstetigkeit, seine inneren Wandlungen sind Ausdruck einer Identitätsproblematik, einer fortwährenden vergeblichen Suche nach sich selbst.

Seine selbstquälerische Haltung gegenüber den eigenen unterdrückten Gefühlen, etwa seine Hassliebe zu Richard Wagner, in dessen Nähe er sich anfangs als "vor einem Auserwählten der Jahrhunderte" empfand, wirft ein Licht auf Nietzsches Verhältnis zum Leiden, das sich wie ein roter Faden durch sein Leben und seine Werke zieht. Hier zeigt sich, dass seine Selbstanalyse nicht frei ist von Selbsttäuschung. Extreme Einsamkeitserlebnisse, lang anhaltende Depressionen, bis hin zu Selbstmordabsichten und Selbstverachtung, zwingen den "kopfleidenden Halb-Irrenhäusler, den die lange Einsamkeit vollends verwirrt hat" – so Nietzsche über sich selbst – in eine Reaktionsbildung, eine nur scheinbare Klärung seiner Leiden.

Sein Denken nimmt zunehmend selbstzerstörerische, ans Masochistische grenzende Züge an. Tief unten auf dem Grund schwelen auch verdrängte Schuldgefühle und Selbstbestrafungstendenzen. Persönliche Schwächen werden abgewehrt, Schwächen anderer erbittert bekämpft. Die eigenen Leiden werden immer stärker im lebensbestimmenden Gestus einer heroischen Selbstüberwindung fortgeschrieben: Hinter den zahlreichen "Genesungen", dem mühevoll erzwungenen Glück – bis hin zu rauschhaften Exaltationen mit zeitweiligen ironischen, selbstkritischen Korrektiven – lauern erneut Depression, Selbstzweifel und Selbstverachtung, die immer wieder in seinen Briefen anklingen. "Mein ganzes Leben", schreibt Nietzsche 1883 an Overbeck", hat sich vor meinen Blicken zersetzt, während alles Übrige, alle meine menschlichen Beziehungen, mit einer Maske von mir zu thun haben." Auch seine Schriften beinhalten, trotz aller Lebensbejahung, einen tiefen pessimistischen Zug, der sich etwa im "Ekel am Menschen" und an der Gegenwart artikuliert.

Die Glorifizierung des Leidens und die Akzeptanz der eigenen Not bis zum vollständigen "Schmerz der Einsamkeit" wandeln ihn zum Philosophen des heroisch bejahten Schicksals. Seine Formel des "amor fati" findet ihren unüberbietbaren Ausdruck in der Lehre von der "ewigen Wiederkunft des Gleichen": Alles Leben, alles Leiden, jeder Augenblick in seiner ewigen Wiederkehr ist gerechtfertigt unter dem "Schild der Nothwendigkeit".

Je emphatischer sich Nietzsche jedoch in den Heroismus hineinsteigert, desto größer wird seine Verachtung jedweder Schwäche. Dass sich dahinter eine Überidentifikation mit dem Schwachen verborgen haben mag, zeigt seine Reaktion zu Beginn der geistigen Umnachtung, als er einem Droschkengaul weinend um den Hals fällt, der von einem brutalen Kutscher malträtiert wird.

Nietzsches Ablehnung des Mitleids und seine Befürwortung der Stärke erweisen sich als tiefe Verletzlichkeit, als Abwehr der Erkenntnis eigener Ohnmacht und als Angst, vom Leid anderer vereinnahmt zu werden. Seine neurotischen Konfliktspannungen sind zeitlebens ein wesentliches Movens seines Schaffens und machen ihn zugleich verwundbar.

Das allzu Übermenschliche, seine Selbstverherrlichung und übersteigerte Selbstüberwindung erscheinen im Spiegel seiner eigenen Entlarvungspsychologie als Suche nach Geborgenheit, Liebe und Verständnis. So gesehen lesen sich auch seine Größen- und Allmachtfantasien kurz vor der Umnachtung als Botschaften von Ohnmacht und Hilflosigkeit und als die Sprache einer Seele, die der Abgrund bereits zu verschlingen droht.

Am Ende vollzieht sich das Unabwendbare. Rauschhafte Freiheit und Urschmerz, Übersteigerung und Zusammenbruch finden im Wahnsinn ihren unterschiedslosen Ausdruck. Die Masken fallen, und die "Partial-Ichs" der inneren Bühne wandeln sich zu Personifikationen seines Wahns: Die letzten Briefe sind unterzeichnet mit "Dionysos" und "Der Gekreuzigte".

Literatur

(VI, 373) Nietzsche, F.: Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. v. G. Colli u. M. Montinari, de Gruyter, München 1980 (Die römischen Ziffern bezeichnen den jeweiligen Band, die arabischen Ziffern die Seitenzahl.)

(1) Freud, S.: Gesammelte Werke, Bd. 14, Fischer, Frankfurt/M. 1972

(2) Wehr, G.: Friedrich Nietzsche als Tiefenpsychologe, Kugler, Oberwil 1987

(3) Benn, G.: Nietzsche nach 50 Jahren (1950); in : Nietzsche und die deutsche Literatur, Bd. 1, Texte zur Nietzsche-Rezeption 1873-1963, dtv, Niemeyer, Tübingen 1978

(4) Fischer, K. R.: Nietzsche, Freud und die Humanistische Psychologie, in : Nietzsche-Studien, Bd. 10/11, de Gruyter, Berlin 1982

(5) Nunberg, H. & Federn, E. (1967): Protokolle der Wiener psychoanalytischen Vereinigung, Bd. 11, 1908-1910, Fischer, Frankfurt/M. 1977

(6) Kaufmann, W.: Nietzsche, Philosoph - Psychologe - Antichrist, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1982

(7) Gödde, G.: Traditionslinien des "Unbewußten", Schopenhauer, Nietzsche, Freud, edition diskord, Tübingen 1999

(8) Ellenberger, H. F. (1973): Die Entdeckung des Unbewußten, (Diogenes) Zürich 1985 (zit. nach Gödde)

(9) Freud, S.: Zur Psychopathologie des Alltagslebens, Gesammelte Werke, Bd. 4, Fischer, Frankfurt/M. 1969

(10) Burger, M.: Richard Wagner: Der Mutterkomplex Richard Wagners; (Richard Wagner: "alter Meister des 'es'"); in: Psychologie heute 3/1983, Beltz Verlag, Weinheim 1983

(11) Rattner, J.: Friedrich Nietzsche; in: Rattner, J. (Hrsg.), Vorläufer der Tiefenpsychologie, Europaverlag, Wien 1983

(12) Adler, A.: Ober den nervösen Charakter (1912), Frankfurt/M.

(13) Freud, S. ü. Jung, C. G. (1974): Briefwechsel, McGuire u. Sauerländer (Hrsg.), Zürich 1976

(14) Kaufmann, W.: Nietzsche als der erste große Psychologe; in: Nietzsche-Studien, Bd. 7, de Gruyter, Berlin 1978

(15) Miller, A.: Das ungelebte Leben und das Werk eines Lebensphilosophen; in: Der gemiedene Schlüssel, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1996

(16) Richter, H. E.: Der Gotteskomplex, Rowohlt, Reinbek 1979

(17) Kreis, R.: Der gekreuzigte Dionysos, Königshausen & Neumann, Würzburg 1986

(18) Kjaer, J.: Nietzsche, Die Zerstörung der Humanität durch "Mutterliebe", Westdeutscher Verlag, Opladen 1990

(19) Benedetti, G.: Die neurotische Lebensproblematik Nietzsches als eine Wirkkraft und Grenze seiner Philosophie; in: Gesnerus, Jahrg. 41, Sauerländer, Basel 1984

(20) Schmidt, H. J.: Nietzsche absconditus, IBDK Verlag, Berlin-Aschaffenburg 1990

(21) Köhler, J.: Zarathustras Geheimnis, Friedrich Nietzsche und seine verschlüsselte Botschaft, Greno, Nördlingen 1989

(22) Freud, S. u. Zweig, A.: Briefwechsel (1927-1939), hrsg. v. E. Freud, Fischer, Frankfurt/M. 1968

(23) Volz, P. D.: Nietzsche im Labyrinth seiner Krankheit, Königshausen & Neumann, Würzburg 1990

(KSB) Nietzsche, F.: Sämtliche Briefe, Kritische Studienausgabe in 8 Bänden, Deutscher Taschenbuchverlag, de Gruyter, München 1986

(24) Freud, S.: Ober einen besonderen Typus der Objektwahl beim Manne, Gesammelte Werke, Bd. 8, Fischer, Frankfurt/M. 1969

(25) Fink, E.: Nietzsches Philosophie, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1973.

(26) Stekel, W.: Nietzsche und Wagner. Eine sexualpsychologische Studie zur Psychogenese des Freundschaftsgefühles und des Freundschaftsverrates; in: Zeitschrift für Sexualwissenschaft, Bd. IV, Marcus & Webers Verlag, Bonn 1917

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